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—– Ursprüngliche Nachricht —– Dienstag, 22. Juli 2008 11:47:21 Uhr
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Von: Ed Benndorf
Thema: GR2018 – Nonpop
An: Felix Knoth
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PETE UM: No Pressure

Es lebe der elektronische Anarchismus!
Das Drumherum…

Diese Platte mit dem bunten Cover und 35 Minuten Musik steckt in einem
interessanten Netz. Viele Fäden ließen sich so lange verfolgen, dass
aus ihnen eigene Geschichten und Rezensionen würden. Da ist zum
Beispiel das kleine Hamburger Label GAGARIN RECORDS. Elektronischen
Experimenten auf Vinyl hat es sich verschrieben, und seit zehn Jahren
bringt es mit schneckenhafter Langsamkeit seine Platten unter die
Leute, ungefähr eine Scheibe im halben Jahr. (“Es lebe die negative
Geschwindigkeit!” ist eines der Labelmottos. Ein anderes der von mir
für den Untertitel geklaute Satz “Es lebe der elektronische
Anarchismus!”) Zum zehnjährigen Geburtstag stehen deshalb genau 22
Veröffentlichungen auf der Liste. Darunter, um die wohl bekannteste zu
nennen, “There Are Grapefruit Hearts To Be Squeezed In The Dark” von
MAX GOLDT. Zur Feier des Gründungsjahres gibt es nun beinahe
gleichzeitig drei Alben: neben PETE UM noch Musik von ERGO PHIZMIZ und
ECHOKRANK.

Kopf von GAGARIN RECORDS ist FELIX KUBIN, der von sich selbst
behauptet, im Körper des Kosmonauten JURI GAGARIN gefangen zu sein.
Seit Anfang der 1980er erfindet er immer neue Kombinationen
elektronischer Töne. Mit 13, einer noch nicht pubertierenden
Jungenstimme und ein bisschen Wave gründete er im punkigen Hamburg DIE
EGOZENTRISCHEN 2, einige Jahre später KLANGKRIEG, eine bis heute
existierende Noiseband. Als Vorsitzender der Fake-Partei KED
(Kommunistische Einheitspartei Deutschlands) vertonte er von 1992 bis
1994 mit LIEDERTAFEL MARGOT HONECKER sozialistische Klassiker wie
“Gute Freunde” oder “Überall, Wohin Man Schaut, Wird Aufgebaut”. Das
Spaßkonstrukt mit musikalischem Output in NDW-Manier war sogar dem
SPIEGEL einen Artikel wert.

Die schrille Hüllengestaltung für “No Pressure”, um einen letzten
Faden zu streifen, übernahm der Belgier DENNIS TYFUS. Dessen
zerfließende, psychedelische Wasserköpfe zieren sonst die
Veröffentlichungen seines eigenen Labels ULTRA ECZEMA und inzwischen
immer mehr Ausstellungen in Antwerpen und Umgebung.

Das Innendrin…

Aber schließlich sind wir hier, um über PETE UM zu sprechen. Keine
einfache Aufgabe, denn ob die kleinen Legenden um den langen, dünnen
Mann aus Cambridge wahr sind, weiß wohl nur er selbst. Hat er sich zum
Beispiel tatsächlich in seiner Jugend in den Fuß geschossen, und
verdient er heute wirklich sein Geld als Pferdezüchter? Kauzig genug
für das und mehr scheint der Mann allemal. Klarer sind die
Verhältnisse, wenn es um Musik geht. Dass UM auch nach Erreichen der
Volljährigkeit seine Tonbandgeräte mehr liebte als seine Freundin,
glaubt man ihm sofort. Seit 1996 spielt er mit Computern, nahm die
Ergebnisse zunächst auf Kassetten auf und verfeinerte seine Ausrüstung
beständig, etwa durch kaputte Minidisc-Player. Nicht nur seine Texte,
vorgetragen im Stile von ‘spoken word poetry’, fallen durch präzise
Alltagsbeobachtungen aus einer “Welt gesichtsloser Spießer” (UM) auf.
Auch seine Selbstanalysen sind exakt und schonungslos: “Meine Musik
ist eine Art rhythmische Collage aus unidentifizierbaren Klängen, dazu
kommt ein mieser Typ, der Sachen singt, die keiner versteht.” Zum
besseren Verständnis liegt dieser UM-Platte zum ersten Mal ein
Textblatt bei, das helfen soll, verfremdete Stimmen und Inhalte zu
entziffern.

So puckert, plackert und tackert es aus den Lautsprechern, durch- und
übereinander. Die Synthie-Rhythmen sind garantiert von Tanzschul-CDs
entwendet, zu denen sich sonst Jugendliche an einem Foxtrott
abarbeiten. Allerdings werden sie mit dreifacher Geschwindigkeit
abgespielt, wie überhaupt immer irgendein Bestandteil der Songs zu
schnell oder zu langsam scheint, so als ob beständig am Drehteller des
Plattenspielers nachreguliert würde. Die leicht verzerrte Stimme singt
dazu von Gott (“I Am The God Of War”), der Welt (“Rum dam dam dam
duddeldidam”) oder mit kaputten, stotternden Loops von unglaubwürdigen
Politikern (“Mr. Tony Blair, Mr. Tony Blair, Mr. Tony Blair”). Einige
der Miniaturen – nur die wenigsten Songs kratzen an den zwei Minuten –
bleiben instrumental. (HERR UM, warum sind eigentlich ihre Lieder so
kurz? “Sie sind nicht kurz. Sie sind auf den Punkt gebracht. Warum
sollten Songs nicht kurz sein? Ich mag kurze Songs. Wenn meine Songs
zu kurz erscheinen, kann man sie zweimal hören. Oder man kann sich
mein Stück “That’s Too Close” anhören, bei dem es um ein hübsches
Mädchen geht, das mir erzählt, meine Songs seien zu kurz.”) Das klingt
alles so schön altmodisch, so cool und analog, dass es perfekt zum
Medium Vinyl passt. Dadatronic zwischen Trash und Genialität. Letztere
äußert sich zum Beispiel darin, dass trotz des vermeintlich ganz
einfach zusammengestoppelten Materials viele Songs eine sehr intensive
Stimmung vermitteln. “The Social Astronaut” etwa, eine klassische
Außenseitergeschichte, ist ein Ausbund an Melancholie der trüben Tage
und Gedanken. Manche der längeren Titel – selten geht es auch über
drei Minuten – klopfen und kratzen sogar knapp am Pop vorbei.
Nach zahllosen CD-Rs war es längst Zeit für die erste Werkschau von
PETE UM. Die 18 Stücke auf “No Pressure”, die zwischen 2000 und 2007
entstanden, bieten Einblick in alle Phasen seiner Arbeit: früher sehr
experimentell, später etwas eingängiger und mit einem Charme, wie ihn
die avantgardistischen Vertreter der NDW-Zeit hatten. UM ist UM, das
stellen alle Kritiker immer wieder fest und suchen nach Vergleichen.
Mein dilettantischer Versuch: ein elektronischer TOM WAITS mit einem
Sprenkel MONTHY PYTHON. Zum Schluss noch ein Wort vom Künstler: HERR
UM, Ihre Lieder klingen oft melancholisch. Hatten Sie eine sehr
schwere Jugend? “Ja.” Ende.

Nachtrag: PETE UM wird Teil der “10 Jahre GAGARIN RECORDS”-Labeltour
im kommenden September sein. Als Stationen sind unter anderem Mannheim
und Frankfurt bekannt. Preise, Termine und weitere Orte sollen bald im
Detail auf der Seite von GAGARIN RECORDS stehen.
Michael We.
http://www.nonpop.de/nonpop/index.php?type=review&area=1&p=articles&id=1621&koobi=eba2c4b7545fe67a41b075701f901d90

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